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100 Jahre: People of the Abyss:

 

Kurze Geschichte des Londoner East End

 

East End heute

 

Mark Gould von der Londoner Zeitung "The Guardian" unternahm einen Spaziergang im East End mit Professor William Fishman, dessen Buch “East End 1888” im Oktober 2001 neu aufgelegt wurde

Im Bericht über den Spaziergang mit Prof. Fishman: Textausschnitte von Jack London aus: In den Slums (Hg. von Max Barthel) Originaltitel: The People of the Abyss, Universitas Verlag, Berlin 1928

 

“Low lives relived in the East End”

von Marc Gould (Übersetzung B. Licht)

Quelle:

http://society.guardian.co.uk/news/story/0,7838,580023,00.html

Mark Gould unternahm einen Spaziergang in dem Stadtteil mit Professor William Fishman, dessen Buch “East End 1888” gerade neu aufgelegt wurde, und er entdeckt, dass sich in einem Jahrhundert nicht viel geändert hat. 

Freitag, 26. Oktober 2001

Es ist ein Ort von Krankheit, verfrühtem Tod, Prostitution und den geradezu obszönen Gegensätzen von Armut und Wohlstand. Draußen auf den Straßen verscherbeln verzweifelt aussehende Männer mit osteuropäischer Aussprache einen lebenden Jagdfalken, billigen Schmuck und geschmuggelte Zigaretten.

Die Methodisten unterhalten Suppenküchen für die Obdachlosen direkt Tür an Tür mit gleichgültigen Millionären in ihren eleganten Stadthäusern.

Jack London über das Obdachlosenasyl

Im Obdachlosenasyl:

"Dann kamen wir zu zweit und zweit in den Baderaum, wo zwei Wannen standen. Und so viel ist sicher, dass die beiden vor uns sich in demselben Wasser gewaschen hatten wie wir, und es wurde auch nicht erneuert, ehe die nächsten kamen. Und ich bin ebenso fest davon überzeugt, dass alle zweiundzwanzig sich in demselben Wasser wuschen. Ich tat, als wüsche ich mich in diesem zweifelhaften Napf, dann rieb ich mich schleunigst mit einem Handtuch ab, dass nass von den Leibern der andern war. Es beruhigte mich nicht gerade, als ich sah, dass der Rücken von dem einen armen Teufel eine einzige blutige Masse vom Angriff der Läuse und seinem ewigen Kratzen war. (S.88)

Im Schlafsaal des Obdachlosenasyls:

"Der furchtbare Gestank war erstickend, meine Phantasie begann zu arbeiten, und ich fühlte ein Kribbeln am Körper, dass ich fast wahnsinnig wurde. Grunzen, Brummen und Schnarchen ertönten wie von einem furchtbaren Meeresungetüm. Und mehrmals weckte einer von uns alle übrigen, wenn er, vom Alpdruck geplagt, plötzlich schrie und heulte. Bei Tagesanbruch wurde ich dadurch geweckt, dass eine Ratte oder ein ähnliches Tier mir über die Brust kroch. Auf der Grenze zwischen Schlafen und Wachen, ehe ich noch meiner Herr werden konnte, stieß ich ein Gebrüll aus, das Tote erweckt hätte. Jedenfalls erweckte ich die Lebenden ..." (S.89)

Am nächsten Tag verdienen sich die Obdachlosen durch Arbeit ihren Unterhalt im Asyl:

"Acht von uns wurden nach dem Krankenhaus von Whitechapel gebracht, wo wir reinmachen mussten. Auf diese Art mussten wir die Grütze und das Stückchen Leinen bezahlen (Betten gibt es nicht im Asyl, sondern nur an der Decke aufgehängte Leinenbahnen, Anm. d.Verf.), und so viel weiß ich jedenfalls, dass ich weit mehr dafür bezahlte, als es wert war.

"Rühr' das nicht an, Kamerad, die Krankenschwester hat gesagt, dass es lebensgefährlich ist", warnte mein Arbeitsgenosse mich, während ich einen Sack hielt, in den er einen Abfalleimer leerte.

Diesen Sack und mehrere andere musste ich fünf Stockwerke hinunterschleppen und in einen großen Behälter schütten, wo alles schnell mit einer desinfizierenden Flüssigkeit besprengt wurde. ...

Gegen acht wurden wir in einen Keller geführt und erhielten Tee und allen möglichen Abfall vom Hospitalessen. Der Abfall war auf einem mächtigen Teebrett aufgehäuft - Brotscheiben, Fettklumpen, Fleischstücke, die angebrannte Schwarte von einem Braten, Knochen, kurz alle Überreste, die von den Mündern und Fingern der vielen an verschiedenen Krankheiten leidenden Patienten berührt worden waren. Die Männer bohrten ihre Hände in diese Masse, gruben und suchten darin herum, wendeten und drehten sie, verschmähten oder griffen gierig zu. Es sah furchtbar aus. Schweine hätten es nicht hässlicher tun können." (S.90/91)

Das ist die erbärmliche viktorianische Realität der Londoner Vergangenheit – und Gegenwart - laut  Geschichtswissenschaftler Prof. Bill Fishman, dessen menschlich bewegende Erzählung von Leiden und Mut, East End 1888, letzte Woche neu aufgelegt wurde.

Professor Fishman ist eine Fachauthorität für die Sozialgeschichte des  19. Jahrhunderts und lehrt Politik am Queen Mary und Westfield College, London. Heute 80-jährig, Sohn eines jüdischen Schneiders, kam er  in diese Straßen mit 15 Jahren, als er gegen Oswald Mosleys Faschistengruppe in der Schlacht in der Cable Street kämpfte.

Wenn man mit Prof. Fishman entlang der überfüllten Marktstände und Geschäfte von Whitechapel schlendert, bekommt man das Gefühl, Vergangenheit und Gegenwart passieren gleichzeitig.

“Das East End war schon immer so wie jetzt. In 1888 waren die Einwanderer noch die Juden und die Iren, die aufgrund von Krankheiten und politisch - revolutionärer Umtriebe verfolgt und vertrieben wurden; heute sind es die Bengalis und die Leute aus der ehemaligen Sowjetunion und aus Osteuropa."

Foto: B. Licht (von einer Werbeplakatwand) 2001

“Hier haben wir das Zentrum der Armut und Entbehrung, einen hohen Grad an Zuwanderern und Arbeitslosigkeit und einen Mangel an günstigen Sozialwohnungen. Wenn die Stadtregierung nicht eingreift, bilden sich hier drei Teufelskreise heraus: Krankheit, Verbrechen und entweder religiöser oder politischer Fundamentalismus.“

Jack London: "Es gibt keine Straße in London, wo man den Anblick der Armut meiden kann, weil etwa fünf Minuten von jedem beliebigen Punkt ein Armenviertel liegt; die Gegend aber, durch die mein Wagen jetzt fuhr, war eine einzige große Spelunke. Die Straßen waren mit Menschen einer anderen Rasse bevölkert, von kleinen Menschen, die erbärmlich elend oder aufgedunsen aussahen.

Wir rollten dahin durch die Meilen von Mauersteinen und Schmutz und jede Querstraße zeigte eine ebenso lange Straße von Mauern und Elend. Hier und dort torkelte ein betrunkener Mann oder eine betrunkene Frau, und die Luft war unrein von Streit und Zank. Auf einem Platz suchten alte Männer und Frauen tastend im Schmutz nach Gemüseabfällen, verfaulten Kartoffeln und Bohnen, während kleine Kinder wie Fliegen um einen Haufen verfaulten Obstes schwärmten und ihre Arme bis zu den Schultern in die breiige Masse bohrten, um kleine Stücke herauszufischen, die nur teilweise in Fäulnis übergegangen waren, und die sie sofort verzehrten." (S. 11)

"So weit ich sehen konnte, erblickte ich nur die grauen Steinmauern, die schleimigen Bürgersteige und die staubigen Straßen; und zum ersten Mal in meinem Leben überkam mich die Furcht vor der großen Masse. Man kann sie mit der Furcht vor dem Meer vergleichen, die elenden Schwärme straßauf und straßab erschienen mir wie die Wogen eines unermesslichen, übelriechenden Meeres, das um mich her wogte und über meinem Kopf zusammenzuschlagen drohte." (S. 12)

Bild: B. Licht, 2001

„Wir ließen die Leman-Straße liegen, bogen links in die Spitalfield-Straße ein und kamen hierauf in die Fryingpan-Gasse. Ein Haufen Kinder kroch auf dem schlüpfrigen Bürgersteig herum, wie Frösche auf dem Grunde eines ausgetrockneten Teiches.

„In einer schmalen Haustür saß eine mit einem Säugling an der Brust, die so entblößt war, dass es der Mutterwürde alle Heiligkeit raubte. Wir mussten über sie hinweg schreiten, um hineinzugelangen, und in dem finsteren, engen Gang hinter ihr mussten wir gleichsam durch ein Gewimmel kleiner Kinder waten, bis wir eine noch engere und finsterere Treppe erreichten." (S.48)

In der Spitalfield Straße

Das Buch “East End 1888” widmet sich den Inspirationen solcher “Wohltäter”  wie Frederick Charrington, dem Bierbrauer und „Retter der gefallenen Mädchen“, Thomas Barnardo, der Dr. Barnardos Kinderheime  gründete und William Booth, der die Heilsarmee in Whitechapel ins Leben rief.

Jack London: "Oh, diese Menschen mit ihrer Hilfe! Ihre Schulkolonien, Missionstätigkeiten und Barmherzigkeitseinrichtungen sind die reinsten Missverständnisse. .. Diese guten Leute wollen den Forderungen des Lebens entgegenkommen, obwohl sie das Leben ganz missverstehen. Sie hassen East End und kommen doch als Lehrer und Retter dorthin. Sie kommen zu den Unglücklichen mit der Prahlerei des sozialen Befreiers.

...Wenn ich davon spreche, wie wenig die Menschen, die Hilfe zu bringen versuchen, bedeuten, so möchte ich gerne eine bemerkenswerte Ausnahme erwähnen, nämlich das Heim Dr. Barnardos.

Dr. Barnardo ist Kinderjäger. Zuerst fängt er die Kinder ein, wenn sie noch so jung sind, dass sie nicht verhärtet und in dem schlechten sozialen Boden eingewurzelt sind; dann schickt er sie fort, damit sie unter anderen und besseren sozialen Bedingungen aufwachsen. Bis jetzt hat er 13340 Knaben fortgeschickt, die meisten nach Kanada, und so viel Erfolg gehabt, dass kaum jeder fünfzigste Fall missglückt ist.

Jeden Tag im ganzen Jahr liest Dr. Barnardo neun solcher kleinen Vagabunden von der Straße auf; man wird hieraus erkennen, wie riesig sein Arbeitsfeld ist. Die anderen Menschen, die gerne helfen wollen, können viel von ihm lernen. Er will nicht flicken, sondern spürt soziale Verderbnis gleich an der Wurzel auf...Wenn die anderen hilfsbereiten Menschen nur aufhören wollten mit ihrer Spielerei und Pfuscherei und ihren Pflegeheimen... (S.227)

Heute plädiert Prof. Fishman dafür, dass die „amoralisch Reichen“ in ihrem Designer-Chic sich mit den Leuten, die in tiefstem Elend leben - ähnlich wie die Wohltäter von früher es taten - solidarisieren müssen, um die Wurzeln von Krankheit und Ungleichheit auszumerzen, die die Ursache für Extremismus bilden.

“Es ist notwendig, dass sie wie Charrington und Barnardo handeln, dass sie sich in die Region East End einklinken z.B. als Schulleiter, als Vorsitzende von Gesundheits-Committees, als Vorstände lokaler Vereine. Sie müssen dafür sorgen, dass ihre Kinder mit den East End – Kindern in dieselben Schulklassen gehen anstatt ihre Kinder mit dem Bus durch ganz London in Nobelschulen zu schicken.

Genau wie in 1888 grassiert die Tuberkulose unter den Europäischen Einwanderern. Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes, z.T. zurückzuführen auf unzureichende Wohnungen und schlechte Ernährung, gibt es fast nur unter der Bengali-Bevölkerung, die 35000 Einwohner zählt. Der durchschnittliche Tageslohn im East End beträgt 8 Pfund, und 35% aller Haushalte haben kein eigenes Auto.

Jack London: "Einen furchtbaren Bericht über diese Verhältnisse gibt die Londoner Statistik. Die Einwohnerzahl Londons beträgt ein Siebentel der Bevölkerung der Vereinigten Königreiche, und in London stirbt alljährlich jeder vierte Mensch auf öffentliche Kosten, entweder im Armenhaus oder im Hospital oder in der Irrenanstalt. Bedenkt man, dass die Wohlhabenden nicht auf diese Weise enden, so steht fest, dass es das Schicksal sein muss, das jeden dritten Arbeiter trifft" (S.151/152)

"Es gibt vierzig Millionen Engländer, und 939 von 1000 sterben in Armut, während 8 Millionen verzweifelt kämpfen, um die Armut von ihrer Tür fernzuhalten. Außerdem wird jedes Kind, das das Licht des Tages bei ihnen erblickt, mit einer Schuld von 22 Pfund Sterling geboren - infolge einer "Nationalschuld" genannten Erfindung." (S.230)

Demgegenüber haben sich die Häuserpreise in den letzten vier Jahren verdoppelt. Ein Häusermakler gab in seinem Frühjahrsbericht an, dass die Gegend um Brick Lane den höchsten Quadratmeterpreis-Zuwachs in England erfahren hat.

Draußen vor den “Six Figure Lofts” der Commercial Street und Brick Lane und den eleganten Hugenotten-Seidenweber-Häusern vor Spitalfields gehen die Prostituierten ihre „Streife“ noch genau wie die letzten 300 Jahre. Eine Polizeirazzia im letzten Jahr brachte ans Licht, dass einige der Mädchen aus dem ehemaligen Jugoslawien und Russland erst 14 bis 15 Jahre alt waren.

Foto: B. Licht 2001

In East End 1888 führt Prof. Fishman Jack the Ripper als größten Katalysator für sozialen Wandel an: „Die Morde im Herbst 1888 erzeugten ein Klima der Angst und wurden in der ganzen Welt bekannt gemacht, eine Tatsache, die eine breite Bevölkerung mit dem Zustand des East End konfrontierte. Jack the Ripper sorgte mehr als jeder andere dafür, dass alte, dustere Hütten abgerissen wurden und anständige sanitäre Anlagen und Straßenlampen installiert wurden.

Selbst heute noch bringen geführte Jack-the-Ripper-Wanderungen hunderte von glotzenden Touristen her, die nach einem Hauch von Nebel, Blut und Wunden Ausschau halten.

Prof. Fishman sagt, dass die modernen “Wohltäter” durchaus existieren: “Reverent Ken Leech, der Pfarrer der St. Botolphs Kirche in Aldgate, stellte Jahrzehnte lang Essen und Unterkunft für Obdachlose zur Verfügung und John Profumo (der frühere Tory Kabinettsminister) und Bob Le Vaillant aus Toynbee Hall (East End Universität) arbeiteten unermüdlich für die Armen und Vertriebenen.“

“Und die alten Universitäten, die im East End im 19. Jahrhundert gegründet wurden, wie Toynbee Hall, St. Hilda’s East und Oxford House erwachen nach und nach zu modernen, neuen Chancen für die Leute.

Jack London über Gesten der Liebe im East End: "Ich entsinne mich, wie ein Kutscher, der wohl von der Arbeit heimkehrte, seinen Wagen gerade vor uns anhielt, damit sein hoffnungsvoller Sprössling, der ihm entgegen gelaufen war, zu ihm heraufkrabbeln konnte. Aber der Wagen war groß und der Junge klein, und sein Versuch, hinaufzukommen, missglückte immer wieder. Da trat einer der zerlumpten Männer (aus der Warteschlange vor dem Obdachlosenasyl, Anm. d. Verf.) aus der Reihe und hob den Jungen hoch...

Einen anderen schönen Zug beobachtete ich bei einem Hopfenpflücker und seiner "Alten". Er stand eine halbe Stunde in der Reihe, als die "Alte" zu ihm kam. Sie war verhältnismäßig gut gekleidet, und sie trug einen verblichenen Hut auf ihrem grauen Kopf und ein Sackleinenbündel auf dem Arm. Während sie sich unterhielten, steckte er die Hand aus, fasste eine kleine Strähne verblichenen Haares, die sich gelöst hatte, drehte sie zwischen den Fingern und strich sie ihr hinters Ohr.

Man kann viele Schlüsse aus aus diesem kleinen Zug ziehen. Er liebte sie sicher, da er wollte, dass sie hübsch und nett aussah. Er war stolz auf sie, während wir hier vor dem Armenhaus standen, und er wollte gern, dass die anderen Unglücklichen fänden, dass sie gut aussah. Vor allem aber zeugte es von treuer Ergebenheit, denn kein Mann zerbricht sich den Kopf darüber, ob eine Frau, für die er sich nicht interessiert, hübsch und nett ist, es könnte ihm nicht einfallen, auf ihr Aussehen stolz zu sein." (S.80/81)

Dieses Jahr im Januar wurde durch ein bedrückendes Ereignis wieder einmal bewusst, wie sehr Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbunden sind. Max Kukuyuk, ein 35-jähriger obdachloser Einwanderer aus der Ukraine, wurde sterbend, mit Verletzungen übersät auf dem Boden eines riesigen 100 Jahre alten ehemaligen billigen Logierhauses gefunden, das von Jack London im Buch „People of the Abyss“, seiner Reportage über die Armut des East End mit dem Namen „Monster-Logierhaus“ bezeichnet wurde.

Herr Kukuyuk stürzte sich zu Tode, als er auf der Suche nach einem warmen Schlafplatz durch ein Oberlicht fiel.

Das "Monster-Logierhaus"

Jack London: "In der Nähe der Middelsex-Straße in Whitechapel kam ich in ein großes Logierhaus, das hauptsächlich von Arbeitern bewohnt wurde. Man musste eine Treppe hinabsteigen, die von der Straße in den Keller des Gebäudes führte. Unten befanden sich zwei riesige, schwach erleuchtete Räume, wo eine Anzahl Männer sich im Stehen ihr Essen bereitete. Ich hatte beschlossen, mir auch etwas zu kochen, aber der Gestank, der mir entgegenschlug, nahm mir allen Appetit, und ich begnügte mich damit, zuzusehen, wie die anderen aßen ... Ein Gefühl der Niedergeschlagenheit überschlich alle in diesem halbdunklen Raum. Die meisten dieser Menschen brüteten über den Krumen ihrer Mahlzeit, und ich musste mich fragen, was sie Böses getan haben mochten, dass sie so schwer gestraft wurden...

Um sich einen Begriff von einer solchen Etage voll Schlafkabinen (im Logierhaus) zu machen, stellt man sich am besten einen Papprahmen vor, wie er zur Versendung von Eiern benutzt wird; jeder Raum ist in diesem Fall sieben Fuß im Geviert groß; man denkt sich einen solchen Papprahmen in einem gewaltigen leeren Raum auf den Fußboden gelegt, so hat man die Einrichtung der Etagen. Diese Zellen haben keine Extradecke, die Wände sind so dünn, so dass man das Schnarchen aller Schlafenden und das Geräusch jeder Bewegung, das der Nachbar macht, deutlich hört. Und diese Zelle gehört einem nur für kurze Zeit. Morgens muss man ausziehen, man kann seinen Koffer nicht stehen lassen oder gehen und kommen, wann man will, seine Tür abschließen oder sonst etwas Derartiges...

Wenn man Gast dieses Armeleute-Hotels sein will, muss man auf alles verzichten und sich mit den Gefängnisregeln abfinden, die man stets vor Augen hat, und die einem zeigen, dass man nichts wert ist, nur ein sehr kleines persönliches Ich hat und noch weniger Rücksicht darauf verlangen kann...

Ich stand in einem Stockwerk des Armeleute-Hotels und lauschte. Ich ging von Bett zu Bett und betrachtete die Schlafenden. Die meisten von ihnen waren junge Leute im Alter von Zwanzig bis Vierzig. Alte Männer können es sich nicht leisten, im "Heim arbeitender Männer" zu wohnen; die müssen ins Asyl gehen. Ich betrachtete diese jungen Männer, betrachtete Dutzende von ihnen, und sie sahen nett aus.

Sie waren wie dafür geschaffen, von liebenden Frauen geküsst und umarmt zu werden. Sie waren es so wert, geliebt zu werden, wie Männer es nur sein können. Und sie waren auch selbst fähig zu lieben. Die Liebe einer Frau versöhnt und tröstet, und ihnen tat schon etwas Versöhnendes und Tröstendes Not, statt mit jedem Tage mehr und mehr zu verrohen. Und ich grübelte, wo diese Frauen sein mochten, und hörte im selben Augenblick das trunkene Lachen einer Dirne. Lemanstraße, Waterloostraße, Picadilly - dort findet man sie. (S.179 ff)

Als wir Prof. Fishman verlassen, zitiert er noch den Philosophen Santayana: „Diejenigen, welche sich nicht an die Vergangenheit erinnern, sind dazu verdammt, sie wieder zu erleben.“

East End 1888 is available priced £20 from Hanbury Press, 65 Hanbury Street, London E1 5JP. Enquiries 07855 385661.

Infos: http://www.temple.edu/tempress/titles/609_reg_print.html

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Einst und Jetzt

1888

Das Poplar Unfallkrankenhaus, das die Hafenarbeiter und Dockarbeiter der nahegelegenen Docks zusammenflickte, gab den Aufruf nach Geldspenden oder einem Fund heraus. Unterstützt wurde die Aktion durch ein Vorwort im East London Advertiser: „Das Krankenhaus richtet den eindringlichsten Aufruf an die Handel- und Gewerbetreibenden von London. Die Männer, die verunfallen und vom Poplar Unfallkrankenhaus versorgt werden, sind die Angestellten der Reeder, der Kaufleute und der Fabrikbesitzer, daher obliegt es jenen, großzügig für eine Institution zu spenden, die der arbeitenden Klasse solche Wohltaten erweist und in hohem Maße damit den Reichtum der ganzen Stadt mehrt.“

2001

Letzten Monat (September 2001) versuchten “The crumbling Bart’s” und der Royal London Hospital Trust einen finanziellen Partner zu gewinnen, damit das Poplar Unfallkrankenhaus durch private Initiative wieder aufgebaut werden kann.

1888

Der jährliche Bericht 1888 des Medical Officer of Health, Dr. Rygate, zeigt über das East End auf:  Es hat die niedrigste Eheschließungsrate (10,4 Promille – niedriger als mit 16,2 Promille die niedrigste auf der Vergleichsliste); die höchste Geburtenrate (so wie es sich immer in den ärmsten und am dichtesten besiedelten Gebieten zeigt) von 39,5 Promille und die höchste Sterberate von 28 Promille.

Jack London: Aus einem Gespräch mit einem 22-jährigen Schiffsheizer

"Ja, quatsch' nur weiter!" rief er und ließ seine Faust schwer auf meine Schulter fallen. "Was denkst du dir eigentlich? Eine Frau, die küsst, Kinder, die krabbeln, ein Teekessel, der summt! Alles für vier Pfund zehn Schilling monatlich, wenn du Heuer hast, und für nichts, wenn du keine Arbeit hast? Soll ich dir sagen, was du für vier Pfund zehn kriegst? - ein brummiges Weib, dreckige Gören, keine Kohlen, die den Kessel summen lassen. Der Kessel selbst im Leihhaus - das kannst du kriegen. Ich glaube, das genügt, dass du dich schnell auf See zurückwünscht. Eine Frau! Wozu? Um dich unglücklich zu machen? Kinder? Glaub' mir, es ist besser ohne das." (S.34/35)

Jack London an anderer Stelle: "Im West End sterben achtzehn Prozent aller Kinder, ehe sie fünf Jahre alt sind, in East End sterben fünfundfünfzig Prozent der Kinder vor Erreichung dieses Alters. Es gibt in London Straßen, wo von hundert Kindern, die jährlich geboren werden, fünfzig im folgenden Jahr sterben; und von den fünfzig, die übrig bleiben, sterben fünfundzwanzig, ehe sie fünf Jahre alt sind." (S. 184)

"Stirbt eines der Kinder - und einige müssen ja sterben, ... so liegt die Leiche des Kindes im selben Zimmer (in dem die ganze Familie lebt. Anm. d. Verf.); sind sie sehr arm, so müssen sie die Leiche einige Zeit in der Stube behalten, ehe sie sie begraben können. Tagsüber liegt die Leiche auf dem Bett, nachts, wenn die Lebenden das Bett in Besitz nehmen, wird die Leiche auf den Tisch gelegt, an dem die Lebenden, wenn die Kinderleiche wieder morgens wieder auf das Bett gelegt worden ist, ihr Frühstück essen." (S.222)

Gesundheitspolizisten besuchen eine arme East End Familie

Jack London: "Einen hübschen Anblick gibt es in East End, aber auch nur einen einzigen, und das ist der Tanz der Kinder, wenn der Leierkastenmann durch die Straße kommt.

Es ist bezaubernd, die Kleinen, die kommende Generation zu sehen, wie sie sich im Tanz drehen mit den anmutigsten Bewegungen und reizenden Einfällen, während ihre Muskeln schnell und sicher arbeiten und ihr federleichtes Hüpfen auf eine Weise rhythmisch verschmilzt, die sie nicht in einer Tanzschule gelernt haben können... Die Lebensfreude rauscht in ihrem Blut. Sie lieben Musik, Bewegung und Farbe, und oft offenbart sich unter ihrem Schmutz und ihren Lumpen eine erstaunliche Schönheit des Gesichts und der Gestalt.

Aber irgendwo in London muss ein Zauberer wohnen, der alle Kinder stiehlt. Sie verschwinden. Man sieht sie nie wieder, man sieht nie jemanden, der ihnen gleicht. Vergebens wird man in der erwachsenen Generation nach ihnen suchen; unter den Erwachsenen wird man nur verkrüppelte Gestalten, hässliche Gesichter und abgestumpfte und verblödete Gehirne finden...

Die Kinder der Armut besitzen alle Eigenschaften, die zu edler Menschlichkeit und Weiblichkeit entwickelt werden können. Aber das Elend selbst kehrt sich gegen sie, überfällt wie eine rasende Tigerin die eigenen Jungen und vernichtet all diese Keime, verlöscht alles, was hell war, und lässt das Lachen verstummen; und die es nicht tötet, formt es um zu hässlichen, verlorenen Geschöpfen, die entwürdigter und elender sind als die Tiere des Feldes.“ (S.199ff)

2001

Am 10. Oktober 2001 berichtete die Zeitung “The Guardian” über eine Studie des London Health Observatory, in der  herausgearbeitet wurde, dass East End Babys zweimal stärker gefährdet sind innerhalb des ersten Jahres nach der Geburt zu sterben als Babys, die in den wohlhabenden Vorstadtgebieten zur Welt kamen. Und East End Männer können damit rechnen, mit 71 Jahren zu sterben, sechs Jahre vor Männern aus Westminster.